Zwischen Schauern, Jets und flüssiger Nostalgie
Plane Spotting zum Zweiten
Jetzt aber schnell. Laut Anzeige im Amaretto Aeroplanes Watch Point soll um 17:30 Uhr die nächste und wohl für längere Zeit letzte Maschine kommen. Man hört schon dieses tiefe, vibrierende Dröhnen der Triebwerke. Als ich rauskomme, stehen bereits Dutzende Menschen direkt in der Einflugschneise. Ich gesell‘ mich dazu. Dann taucht die Maschine in der Anfluglinie auf – ein Airbus A320, die Tragflächen exakt waagerecht ausgerichtet. Ein Anblick wie aus dem Bilderbuch:
- Planespotter
- Pnaespotter am Flughafen Skiathos
Man erkennt jedes Detail: die ausgefahrenen Landeklappen, die Fahrwerksstreben, das flimmernde Licht der Triebwerke in der warmen Luft. Und dann ist die Maschine vielleicht nur noch zehn Meter über uns, wenn überhaupt. Plötzlich ist der Jet nicht mehr „oben“, sondern einfach nur noch „da“. Jeder, der jetzt noch steht, zieht unwillkürlich den Kopf ein.
- A 320 mit defekter Bugradbeleuchtung
- A 320 mit defekter Bugradbeleuchtung
In genau diesem Moment fällt mir ein unscheinbares Detail auf, das wohl nur aus dieser Nähe sichtbar wird: Das linke Bugfahrwerks-Positionslicht der Maschine ist defekt. Ein kleiner technischer Makel, der im Überflug aber plötzlich erstaunlich wichtig wirkt. Trotz Serienbildfunktion meiner EOS 600D schaffe ich gerade einmal vier Aufnahmen, dann ist die Maschine schon wieder vorbei. Alles geht schneller, als man reagieren kann. Fotos können die Dramatik einer Flugzeuglandungen in Skiathos überhaupt nicht wiedergeben. Der Jet-Blast (die Flugzeug-Abgase) bläst dich einfach weg. Dieser Film zeigt, wie gefährlich dieses Plane-Spotting tatsächlich ist.
Milos
Das war jetzt wohl der letzte Flieger in nächster Zeit, also machen wir uns wieder auf Richtung Stadt. Im gleichen Augenblick fängt es dann auch an zu schütten wie aus Kübeln. Und obwohl es bis zum Milos, der ersten Kneipe auf dem Weg, nur 200 Meter sind, werden wir ganz schön nass.
- Taverne am und im Wasser
- Wasser, überall Wasser
Zum Glück gibt es auf der Terrasse des Milos aber einen großen zentralen Schirm, unter dem man einigermaßen trocken sitzen kann, also sitzen wir.
- Regen überm Meer
- Menschen suchen Schutz vorm Regen
Susanne bestellt gefüllten Tintenfisch, ich entscheide mich für eine Grillplatte. Doch bei der Bestellung haben wir offenbar völlig unterschätzt, was hier auf uns zukommt.
- Gegrillter Tintenfisch
- Klassischer griechischer Grillteller
Die Portionen sind derart üppig, dass man unweigerlich an die Wirtschaftswunderzeit in Deutschland denken muss – an die Zeit, in der „der Ranzen muss spannen“ noch ein Qualitätsmerkmal war. Hier im Milos werden die Teller nicht gefüllt, sondern regelrecht beladen. Vielleicht haben wir aber auch nur falsch bestellt und statt „Tintenfisch“ und „Grillplatte“ versehentlich „einmal alles“ gesagt.
Planespotting zum Dritten
Der Regen ist schneller vorbei, als er gekommen ist. Plötzlich haben wir wieder Urlaubsidylle. Schlagartig leert sich dann auch das von vielen offenbar nur als Regenschutz umfunktionierte Milos. Wir bleiben noch sitzen. Gegen 19:10 Uhr durchbricht wieder ein tiefes Dröhnen die Ruhe. Dieser Jet war gar nicht bei uns auf dem Plan. Ein Airbus A321 liegt so tief im Anflug, dass man es kaum glauben kann.
- Airbus A 321
- Airbus A 321 der Thomas Cook Airline
Jetzt könnten wir eigentlich aufbrechen: Regen vorbei, Flieger vorbei, „Ranzen spannt“. Obwohl das Essen eher durchschnittlich war, haben wir alles aufgegessen – da hilft jetzt eigentlich nur noch ein Ouzo.
- Idyllische Bucht
- Idyllische Bucht
Na ja, fairerweise muss man aber sagen: Wenn schon die Küche noch etwas Luft nach oben hat, ist wenigstens die Lage der Taverne direkt am Meer einfach unschlagbar.
- Taverne Milos
- Zum Abschluss ’nen Ouzo
Heimweg
Trotz der sporadisch (ah, daher Nördliche Sporaden?) immer wieder durchziehenden Regenschauer trauen wir uns schließlich doch, den rund vier Kilometer langen Weg zum Hotel anzutreten. Weit kommen wir allerdings nicht: Nach etwa 400 Metern zwingt uns bereits der nächste Schauer zum Unterstellen.
Im Bakaliko, einem Fischrestaurant am Ammoudia-Strand, liegen Goldbrassen, Wolfsbarsche und rote Meerbarben in einladender Frische aus. Eigentlich wären wir dafür durchaus empfänglich – wären wir nicht noch vom Milos derart gesättigt, dass selbst der Anblick dieser kulinarischen Verlockungen nur ein müdes Kopfnicken auslöst. Also gehen wir, nachdem ´s wieder aufgehört hat weiter.
- Fische, u.a. Wolfsbarsch
- Rotbarben
Auf den Straßen steht das Wasser stellenweise immer noch zentimeterhoch. Eine Minka nutzt die Gelegenheit und nimmt einen entschlossenen Schluck – die ist einfach deutlich pragmatischer als wir.
- Guckt einer?
- Durst
Erinnerungen im Tetra-Pack
Eigentlich wäre so ein Schluck auch etwas für uns. Bei unseren früheren Reisen im geliehenen Wohnmobil – 1993 in Schweden oder 1997 in Spanien – gehörte der abendliche Tetra-Pack-Rotwein eigentlich immer zum festen Ritual. Besonders gut in Erinnerung geblieben ist mir „Don Simón“, ein Trunk irgendwo zwischen Alltag und Urlaubseligkeit. Zwanzig, ja sogar vierundzwanzig Jahre ist das inzwischen her und doch fühlt es sich an, als könnte man diese Zeit mit einem Griff ins Supermarktregal einfach wieder zurückholen.
Mit genau diesem Gefühl ziehen wir jetzt durch die Fußgängerzone von Skiathos, sonntagabends, auf der Suche nach einer kleinen, trinkbaren Zeitkapsel. In der Papadiamanti 11 werden wir schließlich fündig: ein italienischer 1-Liter-Tetra-Pack-Wein namens „Bella Vite – Schönes Leben“ für 1,70 €. Ein Preis, der fast schon philosophisch wirkt, wenn man bedenkt, dass auf Alkohol in Griechenland 24 % Mehrwertsteuer erhoben werden. Vielleicht ist das Leben ja auch genau so gedacht: besteuert, aber verfügbar.
- Griechischer Obstladen
- Nach dem Schauer
Diesen Wein müssen wir heute Abend aber mit Bedacht trinken – das ist nämlich mehr als ein Getränk, das ist sowas wie „flüssige Nostalgie“! Obwohl es immer wieder in der Ferne grummelt, setzen wir unseren Weg fort. Gegen halb neun erreichen wir schließlich unser Ziel – praktisch zeitgleich mit dem Bus, den wir theoretisch hätten auch nehmen können. Aber mal ganz ehrlich: Wer steigt schon in den Bus, wenn das Ticket fast so viel kostet wie ein „edler“ Wein im Tetra-Pack?
- Wir hätten auch den Bus nehmen können.
- Tetrapack-Wein – Flüssige Nostalgie
Um neun sitzen wir schließlich auf der Terrasse und lassen den Tag ausklingen. Der Tetra-Pack passt erstaunlich gut in diesen Abend. Vielleicht liegt es an der Verpackung, vielleicht aber auch am überraschend stimmigen Inhalt – jedenfalls wird er zu einem stillen Begleiter zwischen Rückblick und Gegenwart. Der Versuch, Nostalgie trinkbar zu machen, ist zumindest an diesem Abend gelungen.
So sitzen wir noch lange nach Sonnenuntergang draußen am hellblauen Klapptischchen. Das war – trotz Regens – auch heute wieder ein rundum gelungener Urlaubstag.
| < zurück | Inhaltsverzeichnis | umblättern > |
| Reiseberichte aus Griechenland |
| Reiseberichte aus Europa |























